The Young Pope – eine Betrachtung aus zwei Blinkwinkeln

Mein Mann Curt und ich, haben im letzten Jahr die Serie “ The young Pope“ gesehen und waren begeistert.

Bei uns stellt sich eigentlich ziemlich schnell heraus, ob uns ein Film oder eine Serie gefällt. Ist die Story zu durchschaubar und clichéhaft, so schalten wir meist direkt weiter.
Fesselt uns das Gesehene, dann schauen wir uns beim Abspann an. “ Geil!“ und sind begeistert.
So ging es und auch bei “ The Young Pope“. Da wir diese Begeisterung allerdings selten wirklich analysieren, hatten wir die Idee, dies hier nun einmal zu versuchen und aus unserer beider Blickwinkel zu berichten

Sky,HBO,Canal+
Zur Serie:

“ The Young Pope“ ist eine italienische Serie in ennglischer Sprache von Paolo Sorrentino ( The Grande Belleza- die große Schönheit ( 2013); Ewige Jugend – Youth (2015)) für Sky Atlantic, HBO und Canal+ entwickelt.
Premiere war am 21.10.2016. Sie beinhaltet 10 Episoden und ist hochkarätig besetzt mit Jude Law, Diane Keaton, Ludivine Sagnier u.v.m.
 
Mein Blickwinkel:

Natürlich fängt mich die Serie im ersten Augenblick mit einem phantastisch gut aussehenden Jude Law als Papst Pius der XIII. ( fiktiv). Ein junger schöner Papst tendiert vielleicht etwas zu sehr zum Thema “ Dornenvögel“, wird aber sofort durch seine irritierende Art zunichte gemacht.
“ The Young Pope“ nur auf den Hauptdarsteller zu reduzieren, wäre jedoch deutlich zu wenig.
Diese Serie ist hervorragend besetzt ( u.a. Diane Keaton) und auch die anderen Nebendarsteller passen durch ihre Gesichter und ihr Spiel perfekt in das Geschehen.
Paolo Sorrentino durfte nicht im Vatikan drehen und baute alles entsprechend nach, was ihm so gut gelungen ist, dass die Darsteller und die Umgebung absolut authentisch wirken.
Die unglaubliche Bildsprache ist das zweite Element, dass mich direkt in die Geschehnisse hineinzieht. Gepaart mit der unterlegten Musik, gelingt es Sorrentino enorm viel Information ohne Dialoge zu transportieren. Kameraeinstellungen und Schnitt ergeben ein perfektes Gesamtbild das wirklich künstlerisch ist, ohne bemüht oder gewollt zu wirken.
Nun muss ich sagen, dass ich grundsätzlich beim Fernsehen nicht auf solche Details achte, aber hier ist es ein herausragendes Moment.
Die Figur des fiktiven Papst Lenny Belardo, der eigentliche Name des, als ersten Amerikaners gewählten Papstes, ist interessant. So schwankt man des öfteren zwischen Bewunderung, Ablehnung und Mitleid.
Die Brüche, die hervorgerufen werden durch die eigenen Vorstellungen, wie ein Geistlicher zu sein hat, und gleichzeitig einen noch jungen Mann mit sehr profanen Angewohnheiten ( er trainiert und raucht) zu sehen, sind sehr gelungen. Der Charakter ist vielschichtig, so ist er als Junge im Waisenhaus “ abgegeben“ worden und immer noch auf der Suche nach seinen wahren Eltern bzw. nach der Liebe dieser. Eine wichtige Rolle in diesem Zusammenhang spielt Schwester Mary, die er als Vertraute an den Vatikan holt und die ihn als Waise betreut hat.
Er scheint zunächst den Ränkespielen der Kardinäle unterlegen zu sein, die hofften mit der Wahl eines so jungen Papstes eine einfache Steuerung zu erhalten, entwickelt sich aber Folge um Folge mehr zur wahren Führungsperson.

Er ist von Anfang an irritierend, hat nicht unbedingt etwas gütiges und man ist unsicher welche Belange er forciert.
Ein weiteres Begeisterungsmoment für mich ist der Aspekt der Spiritualiät, der hier auch unabhängig von der katholischen Kirche betrachtet werden kann und muss.
Die wahre Essenz des Seins und des Handelns wird als entscheidend dargestellt und weniger die Rituale der Kirche, diese wirken stellenweise sogar absurd.

Der Papst hat Eingebungen und besondere Fähigkeiten, bereits schon als Kind, die ihn in direkte Verbindung mit einer göttlichen Macht bringen. Diese kristallisieren sich immer mehr heraus und weisen die “ Vatikanuntertanen“ immer mehr in ihre Schranken und zeigen seine eigentliche Macht.

Für mich war diese Serie gerade deswegen anziehend, weil ich nicht katholisch und auch nicht evangelisch bin.
Reduziert man sich hier nur auf einen Skandal für die katholische Kirch und die unkonventionelle Darstellung des Papstes, wird man “ The Young Pope“ nicht gerecht.
Viel tiefer geht die Aussage über die Zerissenheit und das spirituelle Vermögen jedes Einzelnen, getrennt von den klassischen Vorgaben der Kirchen.
Ich hatte verschiedene Kommetare zur Serie in den Zeitungen gelesen und hatte das Gefühl, dass ich etwas völlig anderes gesehen habe, als die Journalisten, die darüber berichteten.
Das Ganze auf ein “ House of cards“ oder “ Madmen“ im Vatikan zu beschränken, erschliesst sich mir nicht. Sicher ist dies aber auch eine der Serien, in der der Zuschauer auf unterschiedlicheste Weise angesprochen wird.
Phantastische Dialoge und Reden, kombiniert mit einer unvergleichlichen Bildsprache und unterlegt mit Musik, die wiederum mit einem Augenzwinkern alles zulässt.
Absolut lohnenswert!

Curt´s Blickwinkel:   

 

„Dieser Papst ist Geil!“
Geil! Aber so richtig geil! Das sind die Worte. Soweit ich mich erinnern kann. Nach einem Moment des Schweigens. Der Abspann läuft. Man starrt auf die laufenden Namen ohne sie zu lesen, hört die Musik. Das Geschaute klingt nach. Weich im Abgang würde der Weinkenner vermuten. Was für ein Tropfen! Aber es geht nicht ums Saufen. Es geht um ein Stück Fernsehen. Aber Holla! Was für Stück! Ein geiles Zeug. Und geil meint: Etwas das wirkt. Etwas was dich erreicht. Eindringt, in die Tiefe geht, etwas was einfach so tut, als gebe es diese widerliche Hornhaut im eigenen Bewusstseins nicht, die Schicht die sich gebildet hat, als automatischer Schutz vor dieser verdammten Mittelmäßigkeit des Schauens, des sich berieseln lassen von lausigem Talent, zu fahrig, zu müde, zu bequem. Ach, was soll es. Lass laufen. Fastfood macht auch satt …und wie! Aber genug davon.
Sorrentino ist das egal. Dem Young Pope ist es auch egal. Ein sturer Drecksack. Kommt daher wie ein alter Meister. Scheiß auf das Genre. Es geht um die alten Themen. Macht, Liebe, Vergebung, Verführung, Hingabe, Verrat, Selbstaufgabe, Heiligkeit und Niedertracht und natürlich nie endende Spekulation über das Wirken Gottes. Also Mystik und davon ohne Ende. Da passen dann auch die alten Meister.
Allein das Serien-Intro – eine Gnade. „All along the Watchtower“ als Titelsong. Neu arrangiert von Devlin. Eine exzellente Wahl. Wir dürfen nicht vergessen, wir sind im Vatikan. Mauern wohin das Auge blickt. Symbolik das die Heide wackelt. Jude Law sieht aus wie die blühende Sünde. Der letzte Blick in die Kamera, – ein Augenzwinkern. Ein: – gleich werde ich es denen besorgen und dir mein Freund oder Freundin, der du meinst du könntest hier der allgemeinen Intimität beiwohnen ohne wirklich beteiligt zu sein, kriegst auch einen vor den Latz.“ – Sorry. Unbefleckte Empfängnis ist hier nicht. 
Ja, man will es nicht zugeben. Das Ding kann einen anschießen. 
Aber was verdammt trifft einen denn da? Frage gestellt. Schon verloren. Denn genau hier liegt der Haken. Catch 22. Denkt man drüber nach- ist man schon drin. Denke nicht an rosa Elefanten! Ihr kennt das.
Also, was ist im Programm? Zwingende Story, magische Bilder, fein gezeichnete Erotik, Erzählrhythmus auf den Punkt, Dialoge mit philosophischer Tiefe,- seid Matthew McConaugheys einsamer Vorstellung als „Rust Cohle“ in „True Detective“ wieder mal eine Perle – Protagonisten und Statisten mit Gesichtslandschaften zum Niederknien, – perfekte Musikauswahl. Aber, und genau hier beginnt das Dilemma, es sind nicht die Details. Es ist das Ganze. Findet ein Chirurg die Schönheit, während er die Selbige zerschneidet? Wohl kaum. Ist nicht ein Meisterwerk nur als solches zu bezeichnen, wenn sich alle Teile auf zauberhafte Art zu einem Ganzen fügen? Aber wie beschreibt man einen Zauber? Ja, also irgendwie…. Und rumms, landet man auf dem Arsch. Gib auf Looser!
Ok, was gibt es noch? Vielschichtigkeit und Tiefe. Welche Schicht man betritt, wenn man dem jungen Papst folgt, liegt natürlich in der eigenen Persönlichkeit und sicher auch an den momentanen Umständen, in denen uns dieses Meisterwerk erreicht. Große Kunst – und darüber reden wir hier,-  wird immer auch Verborgenes anbieten. Also los. Macht euch auf die Suche. Die Chancen stehen gut, dass es sich lohnt.
Zum Schluss. Was mir persönlich besonders gefällt, – und es ist nicht leicht hier eine Entscheidung zu treffen- ist die Menschlichkeit die dieses Werk zitiert. 
Eine traurige, anrührende Menschlichkeit, die vor dem Hintergrund ihrer allgegenwärtigen Vergänglichkeit in ihren besten Momenten das nach außen trägt, was ihr Bestes ist.  
Man kann den Menschen die in ihrer Kunst solches darstellend erschaffen einfach nur danken. Tue ich sehr gerne. Danke Leute! Ist richtig geil euer Papst und ganz sicher auch heilig.

 

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2 Kommentare

  1. September 30, 2017 / 9:01 am

    Hallo,

    „The Young Pope“ kannte ich bisher gar nicht, aber nach dieser überschwänglichen Empfehlung, werde ich mich auf jeden Fall mal danach umschauen.

    Liebe Grüße,
    Lena

    • September 30, 2017 / 9:28 am

      Ja, schau mal rein. Bin gespannt, ob es Dir auch so gut gefällt:)

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