„Der letzte Überlebende“ von Sam Pivnik

Auf das Buch von Sam Pivnik “ Der letzte Überlebende“ bin ich über eine Vorstellung bei Instagram gestoßen. Ich habe bereits einiges an Literatur zum Dritten Reich gelesen, allerdings hat mich dieses Buch tief bewegt und ich habe einiges erfahren, was ich noch nicht wusste.

Das Buch ist 2017 im Theiss Verlag erschienen.

Zum Inhalt:

Am 01.09.1939 wird Sam Pivnik dreizehn Jahre alt und an diesem Tag marschieren die Deutschen in Polen ein. Sam Pivnik lebt mit seiner Familie in der oberschlesischen Stadt Bedzin. Er beschreibt seinen Alltag in der jüdischen Familie, wie die deutschen in Bendzin einmarschieren und das jüdische Leben immer mehr reglementieren. Die Familie wurde dann auf den Kamionka gebracht, ein jüdisches Ghetto. Danach kam Sam mit seiner Familie ins Konzentrationslager Auschwitz. Er überlebte das KZ, sowie den Todesmarsch nach Norddeutschland. Er überlebte auch den Schiffbruch der Cap Arcona und erzählt seine Geschichte bis weit nach dem Krieg.

Zum Buch:

Am 30.08.2017, zwei Tage vor seinem 91. Geburtstag, verstarb Sam Pivnik in einem Seniorenheim in Nordlondon.

Mit seinem Buch hat er ein Zeitdokument hinterlassen, dass seines Gleichen sucht.

An der Geschichte seines Lebens und das seiner Familie bekommen die Taten des Naziregimes nochmal eine tiefere Dimension. Das Leid, das diesen Menschen wiederfahren ist, kann man beim Lesen kaum ertragen.

Der Prolog beginnt mit dem Titel “ Begegnung mit dem Todesengel“ und berichtet von dem Zusammentreffen von Pivnik mit dem KZ-Arzt Josef Mengele. Bereits in diesem Prolog erhält der Leser einen Einblick was ihn erwartet. Ja, man kann es stellenweise kaum ertragen weiter zu lesen, aber gerade diese Schonungslosigkeit zeigt die Ungeheuerlichkeit, das Unbegreifliche.

“ Nach rechts bedeutete Leben. Nach links bedeutete Tod im Gas. Keine Erklärungen, keine Bergündungen. Nur eine lässige Bewegung eines Fingers in einem makellos sauberen Handschuh.“

Dadurch, dass Sam Pivnik seine Geschichte immer auch mit gesamtgeschichtlichem Wissen untermauert, erfährt der Leser viele Details und Zusammenhänge des zweiten Weltkrieges stellenweise auch mit statistischen Zahlen. Das Buch ist aber nie ein reiner geschichtlicher Abriss, sondern zieht den Leser von Anfang an in die Geschichte, in das Leben eines Jungen der dem Zufall ausgeliefert ist.

“ Innerhalb von sieben Tagen war die Welt, die wir kannten, verstanden und liebten, verschwunden. Ich sah die Verwirrung in den Augen meines Vaters.“

Er beschreibt sehr gut die Taktik der Nazis, wie über eine lange Zeit der Repression und später dann der schnellen Entmenschlichung in den Lagern, jeder Widerstand im Keim erstickt wurde. Diese Betrachtungsweise ist enorm wichtig, um zu verstehen, wie  so etwas passieren konnte und dass wir auch heute in keinster Weise davor bewahrt sind.

“ Juden durften keine freien Berufe mehr ausüben….Kluge Jungen aus meiner Schule bekamen keine Ausbildung mehr-genau wie ich.“

Sam Pivnik war im Konzentrationslager Auschwitz und es grenzt schon an ein Wunder, dass er dieses überlebt hat. Er beschreibt die Hierarchien, die Härte und Gewalt und die grausame Entmenschlichung durch die Nazis und den Tod, der allgegenwärtig ist.

“ Manchmal erlebt ich auf der Rampe auch das Gegenteil. Eine Familie wurde auseinander  gerissen und nach links und rechts geschickt, und dann ging ein Mann oder eine Frau aus der rechten Kolonne nach links, nahm ein Kind an die Hand, legte einem  Alten den Arm um die Schulter und ging hoch erhobenen Hauptes weiter.“

Wenn man es liest, kann man sich gar nicht vorstellen, dass die Menschen, die nach dem Krieg befreit wurden und überlebten, mit diesen Erfahrungen ihr Leben meistern konnten.

Die Erzählung darüber, wie Sam Pivniks Leben nach dem Krieg weiterging, und wie es sich anfühlte in dem von Alliierten besetzten Land zu sein, macht das Buch noch kompletter. Viele Bücher dieser Zeit enden nach der Befreiung. Sam Pivnik berichtet hier weiter, wie die britischen Aliierten die neuen Strukturen aufbauten, wie die Menschen in Norddeutschland mit dem Thema Krieg umgingen und vor allem was mit den Tätern nach dem Krieg geschah. Auch hier setzt erneut Sprachlosigkeit beim Lesen ein.

Sam Pivnik beschreibt, wie er seine gesamte Teenagerzeit verloren hat. Der Krieg war beendet und er war familienlos, heimatlos ohne jegliche Perspektive, schwer traumatisiert bis an sein Lebensende.

Das dieses Buch entstehen konnte ist außergewöhnlich, was muss es ihn gekostet haben, all das Erlebte wieder zu durchleben.

Gleichzeitig hat er ein Zeitdokument geschaffen, dass äußerst wichtig ist für alle nachkommenden Generationen.

Die Stiftung Lesen hat erst vor wenigen Wochen dieses Buch für Jugendliche ab 15 Jahren empfohlen und meiner Meinung nach sollte es in jeder 10. Klasse als Standartwerk gelesen werden!

Auch ein Blick auf seine Webseite lohnt sich!

 

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