„Die Gewitterschwimmerin“ von Franziska Hauser [ Rezension]

„Die Gewitterschwimmerin“ von Franziska Hauser [ Rezension]

 

„Die Gewitterschwimmerin“ von Franziska Hauser

Erschienen bei Eichborn
umfasst 431 Seiten

Ersterscheinung: 23.02.2018

* vorsorglich kennzeichne ich hier die Links, die zur Verlagsseite und zur Autorenseite führen als Werbung*

Dankeschön an Eichborn und Netgalley für dieses Rezensionsexemplar!

 

Klappentext:

Die Hirschs waren Verfolgte, Widerstandskämpfer, Opportunisten, Künstler. Ein Jahrhundert deutsche Geschichte hat sie geprägt, haben sie mitgeprägt. Da durfte man nicht empfindlich sein, es galt, die eigene Haut zu retten. Empfindlich war Tamara zum Glück nie. Stattdessen suchte sie das Abenteuer, die Herausforderung, das Risiko. Doch andere hat die Familie zugrunde gerichtet; eine Schuld, die Tamara nicht verzeihen kann.

So hat es mir gefallen:

“Die Gewitterschwimmerin“ ist ein Familienroman über vier Generationen. Angefangen beim jüdischen Großvater Friedrich, der noch im ersten Weltkrieg kämpfte und als Lehrer arbeitete mit neuen alternativen Lernformen; über dessen Söhne Alfred und Phillip bis hin zu Alfreds Töchtern Tamara, mit ihren Kindern und ihrer Schwester Dascha.

Es ist ein Buch das viel Zeitgeschichte präsentiert und gleichzeitig eine Familiendynamik die teilweise schwer zu lesen ist.

Sexueller Missbrauch an Tamara und Dascha mit einer solchen Deutlichkeit beschrieben, dass es kaum zu ertragen ist. Die daraus resultierenden Verletzungen bis hin zum Selbstmord von Dascha. Die Verletzungen und Übergriffe durch das sozialistische System der DDR.

Franziska Hauser schafft es durch ihre starke Sprache, den Leser zu fesseln, auch wenn es schwer ist “mitzugehen” durch das Schicksal der Personen. Gleichzeitig schafft sie es eben genau dadurch, dieses dysfunktionale Familiensystem realitsisch darzustellen. Hier gibt es keine Erkenntnis oder Reflektion, nur eine klare harte Beschreibung von Lebenswegen.

“Die Gewitterschwimmerin” legt den Fokus auf die Geschehnnisse „ hinter den Kulissen“ und beschreibt die Ambivalenz der Kinder in ihrem Familiendasein. Es zeigt die Verletzungen der Erwachsenen aus Zeiten des Krieges und die Weitergabe an die nächste Generation in Form von Übergriffen und Gewalt.

“Als ich mich umsehe sind die Eltern weg. Ich lasse eine Hand am Wagen, nehme mit der anderen die Unterlippe zwischen DAumen und Zeigefinger, schaue mich in alle Richtungen um und sehe niemanden. Aus meiner Brust kriecht die Angst hoch und ballt sich i meinem Hals zusammen. Meine Unterlippe zittert. Ich nehme die Hand vom Kinderwagen, als die Eltern lachend hinter einem Baum hervorkommen. >Wir wollten mal sehen, wie du dich wunderst.<“

Die Protagonisten sind hier immer auch Täter und Opfer zugleich, was den Roman so authentisch macht. Es gibt keine „Aufklärung“, Rache oder Versöhnung. Alle bleiben mit ihren Verletzungen durch den geschichtlichen Kontext und ihre persönlich Erlebtes alleine und geben diese an die nächste Generation weiter.

Die Kriegserlebnisse der Generationen, sowie der Zeitgeist eine vermeintlich „offenen Sexualmoral“ der 60er und 70 Jahre schaffen eine Grundlage zur Verletzung zukünftiger Generationen.

Franziska Hauser erzählt diesen Roman auf Grundlage ihrer persönlichen  Familiengeschichte, sie ist die Tochter von Tamara. Ich finde den Titel dieses Romans sehr gut gewählt, so ist es nicht nur die Beschreibung der Person Tamaras, die gerne bei Gewitter schwimmen geht, sondern viel mehr ein Bild für alle Personen, die durch den “Sturm” und das “Unwetter” der Geschichte und ihrer persönlichen Erlebnisse schwimmen.

Dieser Roman verlangt einiges seinem Leser ab und doch ist es ein wichtiges Werk und zu Recht für den deutschen Buchpreis nominiert.

Zeitgeschichte und die Auswirkungen in die Kernzelle der Familie mit allen Traumata, die erlebt und zugefügt werden in einer klaren, teilweise schon distanzierten Sprache erzählt, schaffen eine beklemmende Atmosphäre die berührt und nachklingt.

 

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2 Kommentare

  1. September 20, 2018 / 7:43 pm

    Mich hat der Titel magisch angezogen. Zwar lese ich selten deratige Romane, doch einem historischen Hintergrund mache ich gerne eine Ausnahme und deine Kritik hat mich davon überzeugt, es mit diesem Buch zu probieren 🙂

    • September 21, 2018 / 10:33 am

      Danke, bin gespannt, wie es Dir gefallen wird.Lieben Gruß Isabel

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