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“Stella” von Takis Würger [Rezension]

Buchcover von Stella von Takis Würger

Buchcover von Stella von Takis Würger

Stella

von Takis Würger

erschienen bei Hanser Literaturverlage

 am 11.01.2019

umfasst 214 Seiten

 

Stella wurde in den letzten Wochen stark kontrovers diskutiert, deshalb wollte ich mir unbedingt meine eigene Meinung zu diesem Buch zu bilden.

„Der Club“ von Takis Würger hat mich bereits begeistert und ich war, nach der vielen Kritik, tatsächlich sehr neugierig, was es so mit “Stella” und diesem Roman auf sich hat.

 

Klappentext:

Es ist 1942. Friedrich, ein stiller junger Mann, kommt vom Genfer See nach Berlin. In einer Kunstschule trifft er Kristin. Sie nimmt Friedrich mit in die geheimen Jazzclubs. Sie trinkt Kognak mit ihm und gibt ihm seinen ersten Kuss. Bei ihr kann er sich einbilden, der Krieg sei weit weg. Eines Morgens klopft Kristin an seine Tür, verletzt, mit Striemen im Gesicht: “Ich habe dir nicht die Wahrheit gesagt.” Sie heißt Stella und ist Jüdin. Die Gestapo hat sie enttarnt und zwingt sie zu einem unmenschlichen Pakt: Wird sie, um ihre Familie zu retten, untergetauchte Juden denunzieren? Eine Geschichte, die auf wahren Begebenheiten beruht – über die Entscheidung, sich selbst zu verraten oder seine Liebe.

 

Hintergrund des Romans:

Takis Würger entwickelt in seinem Roman eine fiktive Liebesgeschichte deren Hauptfigur Stella Goldschlag ist.

Stella Goldschlag lebte von 1922 bis 1994 und erlangte als Denunziantin der Gestapo im zweiten Weltkrieg eine zweifelhaft Berühmtheit. Sie war selbst Jüdin und verriet Juden an die Gestapo. Zunächst, um Ihre Eltern zu retten. Dies gelang ihr nicht und sie machte trotztdem weiter.

Der Journalist und Klassenkamerad Peter Wyder verfasste bereits 1992 eine Biographie über sie mit dem Titel “One Woman’s True Tale of Evil, Betrayal, and Survival in Hitler’s Germany”.

 

So hat es mir gefallen:

Der junge Friedrich, kommt aus einem gut situierten Haus in der Schweiz. Der Vater ist selten zuhause, die Mutter hat ein Alkoholproblem und ist überzeugte Nationalsozialistin. Friedrich wird dazu erzogen immer die Wahrheit zu sagen. Gleichzeitig fühlt er sich schwach, so ist er doch den Launen und stellenweise auch den Misshandlungen der Mutter ausgeliefert.

Als die Familie auseinanderbricht, die Mutter verlässt das Haus am Genfer See, der Vater geht ins Ausland, beschließt Friedrich als junger Mann nach Berlin zu gehen. Er will die Wahrheit herausfinden. Stimmen die Gerüchte, dass in einzelnen Stadtteile Möbelwagen kommen und Menschen abtransportieren?

In Berlin angekommen lernt er Kristin (erst später erfährt er, dass sie Stella heißt) kennen und ist fasziniert von der Stärke und Unabhängigkeit dieser Frau. Parallel lernt er auch Tristan von Appen kennen, von dem er erst später erfährt, dass er SS Sturmbandführer ist. Die drei leben in einer Art Parallelwelt dieser Zeit. Durch den Reichtum von Friedrichs Eltern und auch den Möglichkeiten von Tristan kennen sie keine Einschränkungen. Sie haben Zugang zu bestem Essen und Bohnenkaffee, gehen in verbotene Clubs und hören verbotene Musik.

Das schöne Leben bekommt einen Riss, als Stella misshandelt nach einer Festnahme zu Friedrich ins Hotel zurückkehrt und die Geschehnisse spitzen sich zu.

Das Buch betrachtet vorwiegend das Jahr 1942 und ist in Monatskapitel unterteilt. Am Anfang jedes Kapitels steht eine grobe Zusammenfassung dessen was bspw. im Monat April 1942 passiert ist. Hier finden sich die Aussagen Göbbels, neben den Ereignissen von Sport, Kultur und Wirtschaft.

Der Leser kann das beschriebene zeitlich einordnen, bekommt weitere Informationen zu dieser Zeit und gleichzeitig zeigt es, wie das vermeintlich „normale“ Leben, trotz Krieg, weiterging.

Der Stil

“Stella” wurde unter anderem für den Schreibstil kritisiert, der zu trivial erscheinen mag. Dem kann ich so einfach nicht Zustimmen. Das Buch liest sich sehr gut, ich mag diesen “modernen” Schreibstil. Vor allem gefällt es mir, dass ein Stoff wie dieser so wiedergegeben wird. Gerade für die jüngeren Generationen ist es wichtig sich mit dieser Zeit auseinander zu setzen. Schafft man es mit der Schreibweise möglichst vielen Menschen dieses Thema nahe zu bringen, ist es ein Erfolg.

 

Das Aushalten von Ambivalenz und Schuld

Was dieses Buch bemerkenswert macht, ist die Ambivalenz und die Frage nach der Schuld in der Geschichte. Wie hätte ich in dieser Zeit reagiert bzw. agiert? Durch die Romanfigur Friedrich wird ein voyeuristischer Teil bedient. Er kommt naiv nach Berlin und will “die Wahrheit” herausfinden. Wie geht er aber mit der Wahrheit um, als er mit ihr konfrontiert wird? Kann man die Wahrheit gut aushalten, wenn man keine Einschränkungen erleben muss? Ein Geflecht aus Lügen und Verrat aus dem dann letztlich der “Kitzel” entsteht?

Friedrich ist als Figur auch  deshalb interressant, da er sich im Übergang vom “Jungmann” zum Erwachsenen befindet und auf der Suche nach der eigenen Stärke ist. Stella bedient im diesem Fall stark die Rolle seiner Mutter. Friedrichs Mutter scheint ebenfalls stark und unabhängig, zieht ihn aber über Ihre Alkoholabhängigkeit in die Co-abhängigkeit. Stella, als auch von Appen bedienen dieses Muster bei Friedrich ebenfalls.

Interessant ist hier die Ambivalenz mit der der Leser in der Geschichte konfrontiert wird. Es ist nicht alles klassisch schwarz und weiss, böse versus gut.

Durch die kursiv eingefügten Zeugenaussagen, die in die Kapitel eingefügt sind, wird schnell klar, was Stella zu verantworten hat und gleichzeitig geht das normale Leben teilweise unter besten Umständen für sie weiter. Das ist schwer auszuhalten.

Wie hätte man selbst reagiert?

Die Fragestellung der Schuld ist in Stella immanent. Wie kann diese Frau, selbst Jüdin, ihresgleichen verraten? Es wäre hier zu einfach nur darauf zu schauen, dass sie über Folter und die Festnahme ihrer Eltern dazu gezwungen wurde.  Da ich die historischen Dokumente zu Stella nicht gelesen habe und mich hier erstmal an den Texte von Takis Würger halten muss, ist hier aber  ihr Drang zu einem „besseren“ Leben ausschlaggebend. Eigene Prinzipien, sofern sie überhaupt vorhanden sind, über Bord zu werfen und alles zu tun, um den eigenen Lebenstraum als gefeierte Sängerin umgeben von Luxus  wahr werden zu lassen. Sicher ein Konzept, dass heute ebenso noch weit verbreitet scheint.

Auch die Schuld von Friedrich ist zu hinterfragen, er steht am Rand als stiller Beobachter und sieht was Stella tut und auch wie von Appen handelt. Wieso handelt er nicht?

Gleichzeitig betrifft die Frage nach der Schuld viele Menschen in Deutschland der Kriegsjahre. Wieviele haben zugesehen und mitgemacht und keine Verantwortung übernommen. Wie hätte man selbst in dieser Zeit reagiert?

Eine spannende Frage, gerade in der heutigen Zeit. Deshalb kann ich mir dieses Buch auch gut als Schullektüre vorstellen.

Sind wir bereit den eigenen Lebenstraum, das eigene Wohlergehen aufs Spiel zusetzen, um anderen zu helfen? Sind wir moralisch einwandfrei? Für was oder wen würden wir unsere Seele verkaufen?

Fazit:

Die Frage, ob ein Autor ein Recht hat über dieses Thema zu schreiben bzw. ob er die „richtige“ Form und Attitüte wählt, finde ich sehr fragwürdig.

Meines Erachtens ist es wichtig, möglichst viel über diese Zeit zu lesen und auch in unterschiedlicher Form. Es ist wichtig diesen schleichende Prozess, wie es über Jahre zu diesem Schrecken der Geschichte kommen konnte zu begreifen. Das alltägliche Leben ging weiter, jeder versuchte für sich das beste herauszuholen, daran hat sich bis heute nichts geändert. Das große Weggucken, wenn Geschäfte geräumt wurden, Juden keinen Zugang mehr zu Bildung bekamen oder nicht mehr in Bussen sitzen durften, würde meines Erachtens heute fast genauso wieder passieren.

Deshalb kann ich das Buch nur emfehlen, denn es schafft über die Eingängigkeit der Geschichte trotzdem viele Fragen zu stellen und einen Teil dieser Historie zu veranschaulichen.

 

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2 Comments

  • Avatar
    Reply
    Silvia
    Februar 10, 2019 at 1:54 pm

    Hallo Isabel,
    Warum ein inhaltlich schwieriges Thema nicht in einen leicht zu lesendes Buch gepackt werden darf verstehe ich auch nicht. So kann es doch viel mehr Menschen erreichen, oder?
    Anfangs freute ich mich noch über die Diskussion über den Roman, irgendwann würde mir es Zuviel. Als letztes las ich, dass einige Stellen geschwärzt werden sollen. Ausgerechnet die, die aus den Akten entnommen wurden.
    Ich verstehe das wirklich nicht mehr.
    Viele Grüße
    Silvia

    • Avatar
      Reply
      Fredriksson
      Februar 11, 2019 at 2:17 pm

      Hallo Silvia,
      ja das verstehe ich auch nicht. Ich finde es fast schon bedenklich, dass es einer “besonderen” Form bedarf, um ein Thema zu plazieren…

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