“ Der Dichter der Familie“ Grégoire Delacourt [ Rezension]

 

“ Der Dichter der Familie“ von Grégoire Delacourt ist 2017 im Atlantik Verlag erschienen und umfasst 236 Seiten.

Darum geht es:

Als der kleine Eduard sein erstes Gedicht schreibt, ist seine Familie gerührt und begeistert.  Für sie steht fest Eduard ist der Dichter der Familie. Die Jahre vergehen und Eduard versucht vergebens diesen Moment der reinen Liebe und Bewunderung zu reproduzieren und den Erwartungen der anderen gerecht zu werden. Dabei scheitert er immer mehr, wählt die falsche Frau und muss mit ansehen wie seine Familie immer mehr zerbricht.

So hat es mir gefallen:

Grégoire Delacourt gehört zu meinen Lieblingsschriftstellern und bisher hat mich noch keines seiner Bücher enttäuscht. Seine Art zu erzählen, die Sprache die er benutzt ist wunderbar und authentisch und auch poetisch. Bei “ Der Dichter der Familie“ bin ich ebenfalls von Anfang an in die Geschichte hineingezogen worden. Allerdings muss ich sagen, dass es mir im Mittelteil schwer war weiterzulesen. Das liegt daran, dass die Geschichte hier sehr hoffnungslos und deprimierend wird. Natürlich korrespondieren solche Geschichten immer mit der eignen Geschichte und dem eigenen Erleben, aber in der trüben Novemberzeit tat ich mich schwer. Selbstverständlich konnte ich das Buch aber nicht aufgeben. Also habe ich mir eine Pause gegönnt und dann weitergelesen. Das letzte Drittel hat mich dann wieder gepackt und völlig unerwartet hat es mich zum Ende emotional “ weggefegt“.

Das liebe ich an Delacourt, wie er es schafft eine Geschichte so zu drehen, dass alles was hoffnungslos und traurig erschien, umgekehrt wird und die Hoffnung und der Lebensmut wieder aufflammen, ohne dass es konstruiert oder kitschig wird.

Seine Figuren sind reale Figuren mit Ängsten und Nöten des Erwachsenendaseins, die jeder nachvollziehen kann. Sie sind auf der Suche nach dem kleinen Glück im Leben und leben mit der Sehnsucht geliebt zu werden.

„Sie brachten uns nicht bei, was Liebe ist. Wir mussten es entdecken. Vier erbärmliche Reime, und es war beschlossene Sache: du wirst Schriftsteller, du wirst unsere Geschichte schreiben, du wirst uns retten.“

Im “ Dichter der Familie“ geht es ausserdem um das Thema der Erwartungshaltung.

Welche Erwartungen stellen Eltern an ihre Kinder und wie sensibel sind die Kinder und hoffen über die vermeintliche Erfüllung der Erwartungen, die Liebe der Eltern zu erhalten?

Wie geht man mit Scheitern im Erwachsenendasein um?

Wie beeinflusst kindliches Verhalten die eigene Zukunft?

Wie empfindet man Erfolg und Misserfolg?

Wann ist man erwachsen und verantwortlich?

Wann kehren sich die Rollen von Eltern und Kindern um?

Dieser ganze Komplex an Fragen ist in diesem Buch enthalten. Es sind Themen mit denen man sich auseinander setzen muss, wenn man eigene Kinder hat und auch wenn die eignen Eltern alt werden. Keine leichte Kost, manchmal schmerzhaft, aber auch immer im eigenen Einfluss, diese Themen zur reflektieren.

„Wütend trat ich meine Zigarette aus. Sie war wie das Herz eines Vogels unter meinem Schuh, ich zertrat es mit voller Kraft, ich wollte das es aufhörte zu schlagen, dass es schwieg, und durch den Schrei, den es ausstieß, erkannte ich, dass dieses Herz mein eigenes war.“

Die Originalausgabe dieses Roman erschien bereits 2011 unter dem Titel „Lécrivain de la famille“ und wurde jetzt 2017 in Deutschland verlegt. Es ist Delacourts erster Roman und trägt autobiographische Züge.

“ Der Dichter der Familie“ ist kein ganz eingängiges und gefälliges Buch und doch überzeugt es durch seinen Stil und das Thema. Wer diese Art von “ unbequemen“ Geschichten mag, wird nicht enttäuscht und bleibt nach der Lektüre persönlich berührt und nachdenklich zurück!

 

 

 

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