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“Ich hatte vergessen, dass ich verwundbar bin” von Delphine de Vigan

Buchcover Delphine de Vigan

Delphine de Vigan gehört unbedingt zu meinen LieblingsautorInnen. Ihre Bücher Loyalitäten und Dankbarkeiten gehören defintiv zu meinen Highlights. „Ich hatte vergessen, dass ich verwundbar bin“ ist ein Roman aus dem Jahr 2009 und wurde nun als Taschenbuch vom Dumont Verlag neu aufgelegt.


„Ich hatte vergessen, dass ich verwundbar bin“ von Delphine de Vigan

Erschienen am 11.02.2021 als Taschenbuch-Neuausgabe im Dumont Verlag

umfasst 256 Seiten

*vorsorglich kennzeichne ich hier die Links, die zur Verlagsseite und zur Autorenseite führen als Werbung*

Herzlichen Dank an Dumont Verlag für die Bereitstellung des Leseexemplars!


Klappentext :

Mathilde lebt mit ihren drei Söhnen in einer kleinen Wohnung in Paris. Seit dem Tod ihres Mannes kümmert sie sich allein um sie und ist stolz auf das Resultat. Die Jungen sind selbstständig und kommen im Leben gut zu recht. Das kann Mathilde von sich nicht mehr behaupten. Bis vor einiger Zeit ist sie ihrer Arbeit mit großer Begeisterung nachgegangen. Doch seit Monaten verschlechtert sich ihre Arbeitssituation zusehends. Liegt es wirklich daran, dass sie ihrem Chef in einer Besprechung offen widersprochen hat? Wird sie deshalb von allen wichtigen Sitzungen ausgeschlossen? Und landen deshalb nur noch belanglose Aufgaben auf ihrem Tisch? Verzweifelt und mit den Kräften am Ende sucht sie eine Wahrsagerin auf. Die prophezeit ihr eine besondere Begegnung für den 20. Mai. Mathilde beginnt zu hoffen. Doch worauf? Auf das befreiende Gespräch mit ihrem Chef? Auf die Rückkehr ihrer alten Stärke? Oder auf die Begegnung mit einem ganz besonderen Mann? Der Tag der Prophezeiung bricht an …


So hat es mir gefallen:

Was mir an den Büchern von Delphine de Vigan am Besten gefällt ist, wie sie es schafft so viele kleine und große Untertöne des Menschlichen Daseins auf vergleichsweise wenige Buchseiten zu packen.

Der/ die LeserIn „begleitet“ Mathilde und parallel später auch Thilbault, in ihren Alltag. Mathilde muss zusehen, wie sie in ihrem Job mehr und mehr von ihrem Chef „demontiert“ wird. Es geschieht auf eine solch subtile Weise, dass sie es zunächst nicht glauben und letztlich nicht wirklich begreifen kann. Obwohl das Buch bereits 12 Jahre alt ist, hat es leider nichts an Aktualität verloren. Mathilde „kämpft“ als alleinerziehende Mutter darum alles am Laufen zu halten. Sie ist gefangen in ihrem Alltag, abhängig von ihrem Job, in dem sie einst motiviert und selbstbewusst war und nun durch das „Mobbing“ ihres Chefs kaum noch Kraft für ihren Alltag hat. In wenigen Sätzen beschreibt de Vigan hier sehr eindrucksvoll, wie Mathilde immer mehr in die Isolation gerät, sowohl privat, als auch in ihrem Job. Wie jeder nur nach seinem eigenen Vorteil sucht bzw. durch die Angst vor Jobverlust egoistisch agiert.

Das Buch wird ferner durch die Spannung getragen, die durch die Prophezeiung einer Wahrsagerin ausgelöst wird. Am 20. Mai wird Mathilde eine Begegnung haben. Wird diese Begegnung mit Thibault sein? Seine Geschichte wird ebenfalls erzählt und man erfährt von einem Mann, der als Arzt in Paris arbeitet und mittlerweile ebenfalls von einer inneren Müdigkeit geprägt ist. Er hat das Gefühl alles bereits zu oft gesehen zu haben, wenig tatsächliche Hilfestellung geben zu können und letztlich auch einsam und ungesehen durch den Alltag zu treiben.

An der Station Gare de Lyon steigt Mathilde aus…Auf den Verbindungsgängen versucht sie, ihren Schritt zu beschleunigen, mit dem Strom mitzuschwimmen. Sie kann es nicht. Es geht zu schnell.

….Unter Tage gibt es zwei Arten von Fussgängern. Die einen folgen ihrer Linie, als sei sie über einen Abgrund gespannt, ihre Bahn gehorcht genauen Regeln, von denen sie nie abweichen.

…Die anderen trödeln, bleiben sogar stehen, lassen sich mitziehen, laufen ohne Vorwarnung quer. Die mangelnde Kohärenz ihrer Bahn gefährdet das Ganze.

Seite 243/244

„Ich hatte vergessen, dass ich verwundbar bin“ hält einem die gesamte Palette der menschlichen Verwundbarkeit vor Augen. Es ist ein „schwer“ ertragbares Buch, da es sich so eng an der Realität bewegt, mit dem Brennglas zwei Lebensausschnitte betrachtet, die zwar Hoffnung in sich tragen, aber dem Zynismus und Egoismus der Gesellschaft ausgeliefert sind. Zwei Menschen in der Mitte ihres Lebens, die einfach nur müde sind und sich wünschen mehr gesehen und wahrgenommen zu fühlen.

Muss man ebenfalls sich dieser „Norm“ bedienen, um gesellschaftlich zu überleben?

Fazit:

Delphine de Vigan ist hier wieder einmal ein außergewöhnlicher Roman gelungen, der spannend bis zum Ende und leider stellenweise schwer zu ertragen ist. Man fiebert mit den Protagonisten mit und möchte am liebsten ins Buch reinspringen. Wut und Verzweiflung sind nur ein Teil der Gefühlspallette die dem/ der LeserIn abverlangt wird. Sie legt den Fokus auf unser tägliches Handeln und die Abhängigkeiten, in denen wir uns in unserer „modernen“ Gesellschaft bewegen. Es ist sicher kein „Wohlfühlbuch“. Vordergründig könnte man das Buch als deprimierend oder aussichtslos einstufen. Allerdings verstehe ich es mehr als Hinweis genauer hinzusehen, genauer die eigenen Wünsche und Möglichkeiten zu ergründen und „aufzuwachen“ aus dem allgemeinen „Hetzen und Handeln“, was von uns vermeintlich erwartet wird. Klare Leseempfehlung!

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