Mein Besuch in der Gedenkstätte ” Hadamar” – Ein Beitrag zur Aktion #WiderdasVergessen

Foto zum Holocaustmahnmal zur Aktion Wider das Vergessen

In dieser Woche hatte ich die Möglichkeit im Rahmen einer Schulveranstaltung meiner großen Tochter die Gedenkstätte für die Opfer der NS-Euthanasie-Verbrechen in Hadamar zu besuchen.

Hadamar liegt nur ca . 23 km von unserem Wohnort entfernt und es war mein erster Besuch dort.

Gerne schildere ich diesen Besuch auch im Rahmen der #WiderdasVergessen- Aktion von Sabrina von Lesefreude.

Als begleitende Person der Schulklasse konnte ich an der Einführung in das Thema und der Führung durch die Gedenkstätte teilnehmen.

Zum geschichtlichen Hintergund

Ende 1940 wurde die Landesheilanstalt Hadamar zu einer von 6 Tötungsanstalten in Deutschland.

Zeitgleich mit dem Beginn des zweiten Weltkrieges, wurde der ” Tötungserlass” veranlasst. Die systematische Erfassung und Ermordung von Patienten und Patientinnen von Heil- und Pflegeanstalten. Die Verwaltungszentrale in Berlin ( Tiergartenstrasse 4) plante und organisierte die sogenannte ” Euthanasie”, die Aktion ” T4″. Mehr als 100.000 fielen diesem Euthansie-Programm Deutschlandweit zum Opfer.

Bereits im Januar 1934 wurde ein Gesetz zur Zwangssterilisation erlassen. ” Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens”.

Durch politische Propaganda, bpsw. in Schulbüchern, Filmen und Plakaten wurde das Volk doktriniert und der Begriff der “Ballastexistenzen” geprägt.

Auch die Bergifflichkeiten änderten sich von Heilanstalten zu ” Irren-/ Idiotenanstalten”. Die Nationalsozialisten stellten besonders Krankheiten wie Schizophrenie, Depression, Epilepsie, erbliche Blindheit, erbliche Taubheit, Mißbildungen, angeborener Schwachsinn in den Generalverdacht, dass alle Krankheiten vererbbar seien.

Die Stigmatisierung wurde immer weiter gefasst, so vielen bald auch schon Menschen mit geringer Schulbildung oder Alkoholsucht unter diesen Krankheitsbegriff. Der Begriff der “Assozialen” wurde geprägt und mit der Definition “angeborener Schwachsinn” hatte man die Möglichkeit eigentlich alles unter dieses ” Krankheitsbild” zu subsumieren.


Die Psychiatrie in Hadamar wurde unter Mitwirkung heimischer Firmen zur Tötungsanstalt umgebaut, In Hadamar gab es zwei sogenannte Tötungsphasen.

Die 1. Tötungphase begann am 13.01.1941. Bereits 1939 wurden sogenannte Meldebögen aus Berlin an die Heilanstalten verschickt. Für jeden Patienten wurde ein solcher Meldebogen ausgefüllt, mit Angaben zur Krankengeschichte,  Aufenthaltsdauer,  Arbeitsfähigkeit und Heilungsaussichten. In Berlin wurde dann anhand dieser Bögen über Leben und Tod entschieden.

Die Patienten kamen auch aus anderen Kliniken bzw. über sogenannte Zwischenanstalten nach Hadamar. Sie wurde in grauen Bussen transportiert, die im Volksmund auch ” Mordkisten” genannt wurden. Meistens wurden die Menschen noch am Tag ihrer Ankunft getötet.

Im Rahmen unserer Führung vor Ort, konnten wir den Weg der Opfer nachverfolgen. Angefangen von dem Stop der Busse in einer größeren Baracke, über den Weg in die Klinik. Hier wurden die Patienten, immer noch im Schein der normalen medizinischen Überprüfung, behandelt. Sie mussten sich entkleiden und bekamen eine Markierung auf die Brust, bei Goldzähnen, und eine Markierung auf den Rücken bei Schizophrenie oder Epilepsie. Dann wurden sie weiter in den Keller zum ” Duschen” geleitet. Hier kamen sie dann in die Gaskammer, in der sie vergast. Dabei schaute der leitende Arzt über ein Fenster zu. Danach wurden die Leichen in den zwei Brennöfen verbrannt bzw. die “Markierten” seziert und die Gehirne kamen an die Universitätskliniken zu Forschungszwecken.

Wie fühlte es sich für mich an diesen Weg in den Keller zu gehen?

Wieviele Menschen sind ihn damals gegangen, wurden zu 50 in diesen kleinen gekachelten Raum gesperrt und wurde getötet, während sie noch teilnahmen am Sterben der anderen um sie herum?

Es nimmt mir fast die Luft zum Atmen und ich stehe dort und kann es nicht verstehen, wie Menschen zu so etwas fähig sind.

Wer oder was ist man, wenn man anderen, hilflosen Menschen beim Sterben zusieht.

Wie kann man damit leben Berge von Leichen in Öfen zu packen, über eine sogenannte ” Schleifbahn” im Keller zum Ofen zu ziehen, täglich, im Zwei-Schicht-Betrieb, 24 Stunden lang?

Ich stehe diesem Unfassbarem hilflos gegenüber.


In der Gedenkstätte Hadamar wurden 1983 noch viele Krankenakten gefunden, anhand derer versucht wird die Biographien der Opfer und auch der Täter zu rekonstruieren. Während unserer Führung haben vereinzelte Schüler solche Biographiekarten dabei und lesen sie vor. Die Opfer bleiben nicht gesichtslos, sondern bekommen ein Gesicht und eine Geschichte.

Die Tötung der Menschen war systematisch organisiert. Eine Abteilung im den Heilanstalten war nur damit beauftragt sogenannte “Trostbriefe” an die Angehörigen zu versenden. Hier wurde irgendwelche “Darm-/ oder Hirnhautentzündungen” oder ähnliches angegeben, damit keiner Verdacht schöpfte.

Obwohl die Nazis versuchten höchste Geheimhaltung zu waren, waren die Taten in der Öffentlichkeit bekannt. Am 03.08.1941 hatte Clemens August Graf von Galen, der Bischof von Münster mehrere verurteilende Predigten zu dem menschenverachtenden Vorgehen der Nazis gehalten.

Am 24.08.1941 wurde die 1. Mordphase durch Hitler gestoppt.

In Hadamar wurde daraufhin ” zurückgebaut” die Öfen vernichtet. In dieser ersten Phase starben dort über 10.000 Männer, Frauen und Kinder.

Ein Jahr späte im August 1942 begann dennoch die 2. Mordphase, die wesentlich regionalisierter und dezentralisierter war.

Die Gruppe der Opfer und die Willkür wurden noch größer. Zu den Opfergruppen gehörten dann auch ” Soldaten”, ” Mischlingskinder” und Zwangsarbeiter/innen”, sogar Babys. Sie wurden mit Spritzen, Medikamenten und Hunger getötet.

Ihre Leichen wurden in Hadamar auf den ” Mönchberg” hinter der Klinik gebracht. In einem Grab wurden ca. 10 Leichen vergraben. Die anderen Patienten der Klinik mussten dabei helfen. Weitere 4.500 Menschen kamen hier ums Leben.

Viele der Täter, Ärzte und Pflegern, passierte nach dem Krieg nichts. Sie konnten teilweise ihren Beruf weiter ausüben oder wurden ” milde bestraft”.

Auch heute kommen noch Angehörige nach Hadamar, um nach der Wahrheit über den Tod ihrer Verwandeten zu forschen.


Die heutige Arbeit der Gedenkstätte Hadamar

Die Art und Weise, wie in der Gedenkstätte Hadamar die Schüler und Schülerinnen mit dem Thema konfrontiert wurden, ist bemerkenswert. Sie bekamen eine sehr gute Einführung in die Geschichte und auch in den Zeitgeist. Fragen konnten gestellt werden und mit den ” Biographiekarten” wurden die Opfer und Täter ein Stück weit ” lebendig”.

Der Hinweis an die Schüler” ..es fängt mit der Sprache an”, darauf zu achten, wie die Art der Sprache gesellschaftliches Miteinander verändern kann, ist heute mehr als wichtig! Die Verantwortlichkeit jedes Einzelnen aus der Geschichte zu lernen, um aktuelle politische Entwicklungen einordnen zu können, ist enorm wichtig.

Die sehr gute pädagogische Arbeit der Gedenkstätte Hadamar ist meiner Meinung nach wichtiger denn je.

Mich hat und wird dieser Besuch sicher noch eine ganze Weile beschäftigen. Man kann danach nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. Aber man kann und muss sich seiner eigenen Verantwortung bewusst sein, dass so etwas nie wieder passieren darf.

Jeder sollte sich im täglichen Miteinander gegen Ausgrenzung, Bedrohung und menschenverachtendes Gedankengut einsetzen!

 

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Folge:

11 Kommentare

  1. Mai 26, 2018 / 7:03 pm

    Hallo!
    Ein wirklich toller Beitrag zu einem sehr schwierigen und vor allem grausamen Thema. Toll recherchiert! Ich habe zu diesem Thema vor einigen Monaten ein Buch gelesen, “Die Erwählten” von Sem-Sandberg. Das ging mir auch wirklich unter die Haut, da es sich um eine Kinderklinik handelte, Spiegelberg, sollte dir das was sagen.

    Liebe Grüße!
    Gabriela // litnetzwerk

    • Mai 27, 2018 / 12:13 pm

      Liebe Gabriela,
      danke für Deinen Kommentar. ” Die Erwählten” kannte ich bisher noch nicht, kommt auf meine Wunschliste, hört sich wirklich gut an.
      Es ist so ein fürchterliches Thema, aber es sollte auf keinen Fall in Vergessenheit geraten, gerade in Zeiten wie heute, wo Selbstoptimierungswahn fast mehr zählt als Herzenswärme.
      Liebe Grüße
      Isabel

  2. Mai 23, 2018 / 11:30 am

    Hey 🙂
    Das ist ein wirklich sehr bewegender Beitrag und ich bin froh, dass ich ihn über das Litnetzwerk gefunden habe.
    Es ist doch immer wieder schrecklich sich in Erinnerung zu rufen, was für schlimme und grausame Dinge vor nicht allzu langer Zeit geschehen sind und auch heutzutage immer noch geschehen, was man ja auch nicht vergessen darf. Allerdings bleibt es immer noch sehr wichtig, und wird es immer bleiben, dass wir nicht vergessen. Auch wenn man selber nicht mehr zur Schule geht, muss man drauf achten, dass man nicht vergisst.
    Ich bin mir auch sicher, dass der Besuch für die Schüler sehr bewegend war, aber ich bin immer wieder froh zu hören, wenn Schulklassen solche Gedenkstätten besuchen. Ich bin damals mit meiner Stufe in die KZ-Gedenkstätte Neuengamme gefahren, weil diese ja hier in Hamburg ist. Wenn die Gedenkstätte Hadamer nicht so weit weg wäre, dann hätte ich sicher meiner Mutter mal angesprochen, ob wir da nicht mal hinwollen.

    Liebe Grüße
    Isabell

    • Mai 23, 2018 / 6:38 pm

      Liebe Isabell,
      vielen Dank für Deinen lieben Kommentar.
      Ja, ich bin ganz Deiner Meinung, dass es die Aufgabe ist das Geschehene nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.
      Herzliche GRüße
      Isabel

  3. März 8, 2018 / 8:39 pm

    Ich sehe gerade, dass das gar nicht so weit weg von mir ist. (Ich wohne südlich von Aschaffenburg!
    Diese Aktion werde ich mir auch gleich mal ansehen.
    LG
    Sabienes

    • März 9, 2018 / 2:03 pm

      Danke für Deinen Kommentar.
      Schau es Dir mal an.
      Liebe Grüße und schönes Wochenende
      Isabel

  4. März 7, 2018 / 6:11 pm

    Solche Besuche sind immer wieder verstörend, eindringlich, und man muss alles meist noch eine Weile verdauen. Wie haben denn die Schüler diesen Besuch aufgefasst?

    Ein guter und wichtiger Artikel!

    LG

    • März 8, 2018 / 1:19 pm

      Danke für Deinen Kommentar!
      Ja, das stimmt. Es dauert wirklich damit umgehen zu können.
      Deine Frage hinsichtlich der Schüler ist interessant. Ich habe sie eigentlich als ziemlich emotionslos empfunden. Allerdings ist es für sie in diesem Alter und in einer Gruppe sicher schwer REaktionen zu zeigen.
      Mir ist auch aufgefallen, dass manches für sie schwer nachvollziehbar ist, da sie den Zeitgeist und die Lebenswelt der Menschen zu dieser Zeit gar nicht kennen. So stellte ein Junge bspw. die Frage, warum es den Menschen nicht komisch vorkam zum Duschen in den Keller zu gehen. Das es zu dieser Zeit nicht normal war, dass jeder in seiner Wohnung überhaupt ein Bad hatte, war den Kids gar nicht so bekannt.
      Da fällt einem erst einmal auf, wie wichtig auch der Zeitgeist und das Verständnis der Menschen zu dieser Zeit war, um anderes nachvollziehen zu können.
      Liebe Grüße
      Isabel

      • März 8, 2018 / 4:11 pm

        Meist ist es auch wichtig, wie da im Unterricht vorgearbeitet wurde. Aber schön, dass du mit der Klasse dabei warst.

  5. März 7, 2018 / 5:51 pm

    Hallo Isabel!

    Vielen Dank, dass du uns mit diesem sehr bewegenden Beitrag an deinen Erlebnissen teilhaben lässt.
    So wie es unbegreiflich ist, dass Menschen anderen Menschen derartige Dinge antun, finde ich es gerade im Hinblick auf die Euthansie-Programm unglaublich, dass viele Täter nie zur Rechenschaft gezogen wurden. Ja viele der Ärzte arbeiten auch danach noch als Ärzte. Viele haben nicht mal ein schlechtes Gewissen, da sie ja im Auftrag der medizinischen Forschung gehandelt haben.

    Ellen Sandberg greift die Thematik rund um das Euthansie-Programm in ihrem Buch “Die Vergessenen” auf. Dabei hält sie sich an geschichtliche Fakten und spinnt in diesem Rahmen eine fiktive Geschichte. Es zeigt sehr gut wie Täter und Mittäter möglicherweise gedacht haben.

    Liebe Grüße
    Sabrina

    • März 8, 2018 / 1:21 pm

      Liebe Sabrina,
      vielen Dank Dir für diese wichtige Aktion und danke für den Buchtipp, werde ich mir direkt einmal ansehen.
      Liebe Grüße
      Isabel

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