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“Wo wir zu Hause sind” von Maxim Leo [Rezension]

Buchcover "Wo wir zuhause sind"

Wo wir zu Hause sind

Die Geschichte meiner verschwundenen Familie

von Maxim Leo

erschienen am 14.02.2019 bei Kiepenheuer & Witsch

umfasst 368 Seiten

* vorsorglich kennzeichne ich hier die Links, die zur Verlagsseite und zur Autorenseite führen als Werbung*

Dankeschön an Kiepenheuer & Witsch und Netgalley für dieses Rezensionsexemplar!

 

Buchcover "Wo wir zuhause sind"

 

Klappentext:

Die wahre Geschichte einer jüdischen Familie, die auf der Flucht vor den Nazis in alle Winde zerstreut wurde, und deren Kinder und Enkel zurückfinden nach Berlin, in die Heimat ihrer Vorfahren.

Nach Israel gingen Irmgard und Hans, zwei Berliner Jura-Studenten, die 1934 ins gelobte Land auswanderten und in einem Kibbuz unweit der Golan-Höhen ihre Kinder großzogen. In England trifft Maxim Leo die Familie von Hilde, die als Schauspielerin in kleinen Theatern arbeitete und in jungen Jahren Fritz Fränkel heiratete, Gründer der KPD, Freund Walter Benjamins, mit dem sie nach Frankreich emigrierte. Später floh Hilde mit ihrem Sohn nach London, wo sie es bis zur Millionärin brachte.

In Frankreich wohnt Leos Tante Susi, deren Mutter Ilse im Internierungslager Gurs ihre große Liebe kennenlernte und bis zum Kriegsende im Untergrund lebte. Auf der Suche nach der Vergangenheit seiner Familie entdeckt Maxim Leo eine Zusammengehörigkeit, die keine Grenzen kennt. Und auch seine Cousins und Cousinen, die Enkel von Irmgard, Hilde und Ilse, spüren eine seltsame Verbindung zu ihrer verlorenen Heimat. Es zieht sie zurück nach Berlin, in die Stadt ihrer Vorfahren, die sie neu entdecken und erfahren. Nach »Haltet euer Herz bereit« legt Bestseller-Autor Maxim Leo erneut eine packende Familiengeschichte vor, spannend und herzergreifend.

So hat es mir gefallen:

Der Schreibstil von Maxim Leo ist mitreißend. Ich habe das Buch förmlich verschlungen. Man taucht ein in die Familiengeschichte. Unterschiedliche Stränge der Familie werden intensiv erzählt, meist aus der Perspektive der handelnden Personen, so ist man direkt im Geschehen. Maxim Leo komplettiert dies zusätzlich mit seinem eigenen persönlichen Bezug zu den Familienmitgliedern. Auch die Verbindung zur Gegenwart gelingt, wenn ihn bspw. ein Cousin in Berlin besucht. So ergibt sich eine komplexe Geschichte mit vielen Facetten, die bis ins Heute „nachwirkt“.

Über die Familienmitglieder und deren Geschichte erfährt man ganz besonders die schon frühen persönlichen Einschränkungen dieser Zeit. Hoffnungen werden zerstört und doch bleibt häufig der Unglauben „das kann doch nicht sein“ oder „ das wird sich wieder ändern“. Gerade die politischen Entwicklungen über mehrere Jahre zeigen auf, wie „schleichend“ der Prozess war und wie schwierig es war die „richtigen Entscheidungen“ zum „richtigen“ Zeitpunkt zu treffen.

„Irmgard“ ist evangelisch getauft und begreift sich wahrscheinlich nicht als Jüdin. Mit 21 Jahren wird sie von der Universität geworfen und versteht nicht, warum ihr junges Leben auf einmal keine Perspektive mehr hat. Das geschah bereits 1933.

Maxim Leo beschreibt eindringlich und umfassend die Wege der einzelnen Familienzweige. Parallel erfährt der Leser immer gut recherchiert geschichtliche Hintergründe.

Die unterschiedlichen Wege der Familienmitglieder und die verschiedenen Herausforderungen dieser Zeit, geben enorm viel Zeitgeist wieder. Die Schicksale der Angehörigen und wie sie bis in die Gegenwart wirken. Die Familie ist weit verstreut, so wird aus Frankreich, Österreich, England und Israel berichtet.

Auf der Seite des KIWI-Verlags kann man einen Stammbaum über die Familie ansehen. Das ist sicher auch im nach hinein hilfreich, die einzelnen Zweige und Verzweigungen nochmal nachzuvollziehen.

Ich habe einiges in diesem Buch erfahren, was mir im Vorfeld so noch gar nicht bewusst war.

„Wo wir zuhause sind“ ist ein wichtiges Buch, dass umfangreich anhand von persönlichen Schicksalen Geschichte betrachtet.

Gleichzeitig beschreibt es die Auswirkungen dieser Schicksale bis hin in unsere Generation. Auch aktuelle politische Geschehnisse wie bspw. der „Brexit“ werden im Kontext des Onkels, der seit dem Krieg in England lebt, betrachtet.

Die Frage der Zugehörigkeit und der eigenen Heimat bleibt immanent.

Wie sind die politischen Entwicklungen von heute vor diesem Hintergrund zu betrachten?

Man muss die Auswirkungen von Politik im persönlichen Erleben betrachten, um festzustellen, dass sie nicht plötzlich da sind, sondern viel mehr einem Prozess unterliegen der ggf. einige Jahre bedarf. Dieser schleichende Prozess ist schwer zu erkennen und die persönlichen Konsequenzen schwierig zu bestimmen. An der Geschichte der Familie Leo zeigt sich an vielen Stellen, wäre hier anders entschieden worden, so hätte es gravierende Auswirkungen gehabt.

„Meine Familie erscheint mir wie eine Erinnerungskette, von der wir jeder nur ein kleines Stück kennen……Ich habe auf dieser Familienreise ein paar Illusionen verloren, vor allem die, der Bestimmer über mein Leben zu sein“

Fazit:

“Wo wir zu Haus sind” ist ein wichtiges Buch. Es regt an bei den politischen Entwicklungen ganz genau hinzusehen, gerade heute. Es zeigt aber auch auf, dass selbst die junge Generation immer noch von den “Nachwirkungen” des zweiten Weltkrieges betroffen ist.

Familiengeschichten wirken bis in die heutige Generation nach. Nicht nur, dass noch Überlebende unter den traumatischen Folgen dieser Zeit leiden und diese ggf. im Kontext von Demenz wieder zu Tage treten. Auch in den Nachfolgegenerationen können die Traumata der Vorfahren in Form eines „epigenetischen Effektes“ auftreten. Aktuell gibt es immer mehr Erkenntnisse zur Epigenetik, was unser aktuelles Leben in einem anderen Licht erscheinen lässt.

Maxim Leo ist ein sehr lesenswertes Buch gelungen. Es macht Geschichte erlebbar und stellt die richtigen Fragen. Vor allem transportiert es die Geschichte in die Gegenwart und zeigt die Verwantwortung für zukünftige politische Entwicklungen auf.

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