Bodypositivity statt Bodyshaming

Vera von Chaoskingdom hat die Aktion ” Bodypositivity statt Bodyshaming” ins Leben gerufen.

Ursprünglich über das Buch ” Dumplin´” gepaart mit einem Gewinnspiel gestartet, habe ich mittlerweile das Gefühl, dass sich diese Aktion positiv verselbstständigt hat und das ist richtig gut!

Nachdem lesen der Artikel von Eva von Schreibtrieb und Jen von Jenlovetoread und sie so mutig und toll fand, habe ich mich nun entschlossen auch dazu etwas beizutragen.

Aufgrund der gelesenen Artikel empfinde ich es nämlich als enorm wichtig ein Nachdenken einzuleiten. Über die persönlichen Erlebnisse, vielleicht andere zum Umdenken und reflektierten Handeln zu motivieren.

Bodyshaming

Wie bei vielen Anderen auch begleitet mich das Thema Bodyshaming schon seit frühester Kindheit. Ich war immer die Größte im

Mit 8 Jahren- mit dem Gefühl zu dick zu sein- wenn ich das Bild jetzt sehe, wundere ich mich!

Kindergarten und auch in der Grundschule. Im Vergleich zu meiner besten Freundin, die kleiner und dünner war, kam ich mir immer wie ein Elefant im Porzellanladen vor. Aufgrund des schnellen Wachstums hatte ich schon früh Probleme mit den Kniegelenken, ausserdem war ich aufgrund meiner Körperlichkeit schlecht im Schulsport, vorwiegend im Geräteturnen. Ich erinnere mich an die Angst, die ich  jeden Morgen vor dem Sportunterricht bekam, wenn wieder auf den Kasten gesprungen werden sollte oder an Stangen und Seilen hochgeklettert werden musste und ich es absolut nicht hin bekam. Die Demütigungen des Lehrers und der Mitschüler, das Auslachen führten sicher nicht dazu, dass ich ein positives Körpergefühl entwickelt habe.

In der Pubertät wurde es schlimmer, ich nahm immer mehr zu, auch aufgrund von familiären Problemen. Ich kann mich daran erinnern, wie ich mit meiner Oma ein Kleid für die Konfirmation kaufen sollte und in nichts reingepasst habe. Das Kostüm, was schliesslich gefunden wurde, war fürchterlich und war der stoffliche Beweis meines körperlichen Versagens.

Auch die Erlebnisse in der Tanzschule waren schlimm, keiner wollte mit mir tanzen und ich ging weder zum Mittel- noch zum Abschlussball in Ermangelung eines Tanzpartners. Innerhalb meiner Familie wurde mir dann von verschiedenen Seiten der gut gemeinte Rat gegeben, wenn ich doch abnehmen würde, dann würde sich sicher alles andere finden.

Wenn ich krank zum Arzt musste, stellte dieser mich immer erst auf die Waage, um mir mitzuteilen dass ich zu dick bin- ach ne, wie sensibel. Ich fand mich dann mit 13 Jahren bei den Weight watchern ein und damit begann eine steile Diätkarriere, die über 30 Jahre andauerte.

Manifestiert in den Gedanken: ich bin zu groß, zu dick- nicht richtig

wandelte ich seitdem durchs Leben.

Ich habe alle Diäten durchgemacht, letztlich änderten sich diese Gedanken egal welches Gewicht ich hatte eigentlich nie!

Erst als ich meinen Mann kennenlernte, hat sich Stück für Stück meine Einstellung zu meinem Körper geändert. Er hat mich mit zum Joggen mitgenommen und mit mir mit Engelsgeduld Stück für Stück die Strecke erarbeitet, bis ich es geschafft habe sie komplett durch zu joggen. Durch das regelmäßige Laufen sind dann auch wieder Pfunde gepurzelt. Dann wurde unsere erste Tochter geboren und das war ein großartiges Erlebnis, was der Körper leisten kann und welch wunderbaren Dinge er vollbringen kann. Ich habe die Schwangerschaft und auch das Stillen genossen. Komischerweise habe ich nach der Schwangerschaft recht schnell die überflüssigen Pfunde verloren und war so dünn wie noch nie. Aber auch diese niedrige Gewicht hat nicht dazu geführt, dass die Gedanken ” nicht richtig zu sein” verstummten. Ich war immer noch in meiner ” Dickenpersönlichkeit” gefangen und konnte auch gar nicht richtig erkennen, wie ich tatsächlich aussehe.

Mit meiner ersten und acht Jahre später auch mit meiner zweiten Tochter erlebe ich jetzt, dass auch meine Mädchen diesen Gedanken unterworfen sind. Ich habe immer versucht sie im Sinne eines positiven Körperbildes zu erziehen und doch kommen Einflüsse von Aussen, die ich nicht steuern kann.

So fühlt sich meine große Tochter, mittlerweile 16 Jahre alt, ständig zu dick und hadert mit ihrem Körper. Der Vergleich in der Schule ist groß und Dünnsein hat bei den Mädchen in ihrem Umfeld einen höheren Stellenwert als Intelligenz, Ausstrahlung und soziale Kompetenz. Auch der Sportunterricht hat sich in den letzten dreißig Jahren kaum verändert, so kämpft sie immer mit den ” Bundesjugendspielen” und fühlt sich jedes Jahr schlecht wieder keine Urkunde zu erhalten.

Warum muss den Kindern der Spass an der Bewegung so vermiest werden?

Warum wird Sport mit Noten bewertet unabhängig von körperlichem Vermögen?

Beide Mädchen haben eine ähnliche Körperlichkeit wie ich früher, recht groß und kräftig, allerdings nicht dick.

Bei der Kleinen war es sogar so, dass der Kinderarzt bei einer U- Untersuchung vor dem Kind sagte, dass sie übergewichtig und adipös sei ( natürlich nicht zu dem Kind sondern über sie drüber). Sie war vier Jahre alt und mir wurde nur gesagt, dass er als Arzt täglich zwei Stunden Fahrrad fahren würde und man damit richtig Kalorien verbrauchen würde- WTF!

Meine Kleine hatte damals den typischen ” Kinderspeck”, war aber nicht adipös und beim nächsten Wachstumsschub war das auch wieder weg.

Die Kleine sagte mir dann ” Mama, ich mag mich so wie ich bin, ich find mich toll!” und mir standen die Tränen in den Augen.

Zum einen, weil ich diesem Arzt nichts entgegengesetzt habe und zum anderen, dass meine Kleine aus sich heraus ein wunderbares Gefühl zu ihrem Körper hat und ich es nicht kaputt machen lassen möchte von ignoranten Menschen, die das Wesen eines anderen Menschen nicht sehen können.

Bodypositivity

Je älter ich werde, desto mehr schliesse ich Frieden mit mir. Es ist natürlich immer ein bisschen Tagesform abhängig wie ich mich annehmen kann, aber ich bin stolz auf das was ich erreicht habe. In erster Linie bin ich sehr froh eine so wunderbare Familie zu haben, in der wir uns wirklich gegenseitig unterstützen, was ich aus meiner Ursprungsfamilie so leider nie richtig kennengelernt habe.

Ich weiss was ich kann und wo meiner Erfolge liegen. Ich entdecke immer wieder neue Dinge für mich und bin froh sie ausprobieren zu können. Gerade das Schreiben erfüllt mich mit einer solchen “Richtigkeit”, dass es die körperlichen Aspekte in den Schatten stellt. Vor drei Jahren ist ein sehr lieber Freund und Kollege mit fünfzig Jahren verstorben und so etwas bringt die Wichtigkeit der Dinge nochmal in ein ganz anderes Licht.

Ich kämpfe mit und für meine Töchter, Ihnen ein positives Körperbild mitzugeben und die Stärke sich gegen die allgegenwärtige Ignoranz abzugrenzen.

Wir sollten uns nicht einem fiktiven menschenverachtenden, maschinellen Körperbild unterwerfen.

Wir sollten unsere Einzigartigkeit feiern und Toleranz einfordern.

Ich hoffe, dass diese Aktion ein bisschen dazu beitragen kann, dass man sich überlegt wie man mit seinen Mitmenschen umgeht und ein positives Miteinander in den Vordergrund rückt!

 

 

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8 Kommentare

  1. Mai 27, 2018 / 10:44 am

    Toller Artikel, schön geschrieben! Irgendwie hadert ja gefühlt jede Frau mit ihrem Körper und ihrem Gewicht, ich schließe mich da auch mit ein. Aber man muss sich einfach immer wieder klar machen, dass wir keine Maschinen sind und das es keine Patentlösung gibt. Ich habe auch zwei Töchter und versuche, auch wenn es schwer ist, Ihnen mitzugeben, mit ihrem Körper Frieden zu schließen.
    Liebe Grüße
    Vera

    • Mai 27, 2018 / 12:19 pm

      Liebe Vera, ich gebe Dir völlig recht.
      Leider muss ich sagen, dass ich “die Mechanismen von Aussen” erst richtig begreife, je älter ich werde und auch das Gefühl und die Erfahrung habe, anders damit umzugehen.
      Es ist schwierig, vorallem auch für die Kinder in einer Zeit in der die GEsellschaft immer noch bzw. stärker Leistungorientiert ist.
      Liebe Grüße
      Isabel

  2. Mai 19, 2018 / 8:51 pm

    Toll geschrieben. Ich hadere schon seit der Kindheit mit meinem Gewicht und die beiden Schwangerschaften haben auch noch ihr übriges dazu beigetragen. Nun bin ich mit Mitte 40 Single-Mama und wünsche mir wieder einen Partner an meiner Seite, doch mein Gewicht gibt mir das Gefühl, für Männer nicht interessant zu sein. Im Januar habe ich meine Ernährung umgestellt und mit jeden Pfund, das purzelt, fühle ich mich tatsächlich wohler, wobei mein Hauptaugenmerk nicht auf Attraktivität liegt, sondern auf den gesundheitlichen Aspekten. So sind z.B. meine Knieprobleme verschwunden.

    Obwohl ich mit meinem Körper Probleme habe, habe ich es halbwegs geschafft, meinen Kindern zu vermitteln, dass sie gut sind, wie sie sind. Beide sind nicht gertenschlank, aber beide können gut mit ihrem Gewicht leben und haben glücklicherweise einen Freundeskreis, der sie genau so akzeptiert. Darüber bin ich sehr froh.

    #litnetzwerk

    LG
    Daggi

    • Mai 20, 2018 / 11:37 am

      Liebe Daggi,
      danke für Deine Offenheit. Freue mich für Dich, dass Du für Dich einen guten Weg gefunden hast und finde es toll, wenn man es schafft den Kindern das positiv mitzugeben!
      Liebe Grüße
      ISabel

  3. April 11, 2018 / 6:21 pm

    Was für ein toller Beitrag! Danke danke dank, dass du an der AKtion gleichermaßen teilnimmst! Deine Erfahrungen zu lesen sind sehr traurig, aber es ist wichtig, dass man darüber redet.
    Ich finde es schön, dass du in deine nächste Generation solche guten Sachen vermittelst, damit sie hoffentlich niemals damit betroffen sind.

    Danke für deinen wirklich wichtigen Beitrag! Du wirst sofort verlinkt!

    xoxo Vera

    • April 11, 2018 / 9:32 pm

      Liebe Vera,
      danke für Deinen Kommentar und die Verlinkung.
      Ich finde die AKtion wirklich toll und habe auch bei den anderen Teilnehmern so mutige Berichte gelesen.
      Es ist wirklich wichtig!
      Danke und liebe GRüße
      Isabel

  4. April 11, 2018 / 2:56 pm

    Ein sehr schöner Artikel, den ich so nur unterschreiben kann. Ich erkenne mich in vielen deiner Worte wieder, angefangen beim negativen Selbstbild als Teenie, was sich bei mir bis ins Studium hinzog, bei dem ich teilweise sehr extrem nach Low Carb gelebt habe … begleitet von Stimmungsschwankungen und Erschöpfung durch die fehlenden Kohlenhydrate. Erst seit ich aktiv Sport mache und (ganz wichtig) auch den Sport gefunden habe, der mir Spaß macht, hab ich ein besseres Körpergefühl bekommen. Die Balance zwischen “ich MUSS Sport machen” und “ich MÖCHTE” habe ich aber nach wie vor noch nicht so gut gefunden. Daran will ich aber vermehrt arbeiten, da sonst die Bewegung ja auch wieder in Zwang und Stress ausartet. Ich finde es super, was du deinen Kindern vermittelst.
    LG

    • April 11, 2018 / 9:31 pm

      Vielen Dank für Deine liebe Rückmeldung!
      Ich habe auch lange low Carb gelebt und es hat einige Zeit gedauert, bis ich verstanden habe, dass diese Ernährung bei mir Depressionsschübe antriggert.
      Es ist manchmal echt schwierig einen guten Mittelweg zu wählen.
      Liebe Grüße
      Isabel

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