0 In Rezensionen

“Die Kinder sind Könige” von Delphine de Vigan

Tanzende Beine in roten Strumpfhosen und gelbem Tüllrock

Delphine de Vigan gehört zu meinen Lieblingsautorinnen. Ihr Roman “Loyalitäten” hat immer einen besonderen Platz in meinem Bücherregal und in meinem Herzen. Ich war gespannt auf ihren neuen Roman, der sich einem Thema widmet, dass bisher nur wenig Aufmerksamkeit erhalten hat.


“Die Kinder sind Könige” von Delphine de Vigan

erschienen am 07.03.2022 im Dumont Verlag

umfasst 320 Seiten

Herzlichen Dank an den Dumont Verlag  für die Bereitstellung des Leseexemplars!

*vorsorglich kennzeichne ich hier die Links, die zur Verlagsseite und zur Autorenseite führen als Werbung*


Klappentext:

Mélanie war als junges Mädchen ein großer Fan von Formaten wie ›Big Brother‹. Sie hatte stets davon geträumt, gesehen und berühmt zu werden. Jahre später, als Mutter zweier Kinder, ist es ihr gelungen: Sie ist eine erfolgreiche Youtuberin mit Tausenden von Followern. Objekt ihrer Videos und Posts sind ihre Kinder, die auf Schritt und Tritt gefilmt werden. Seit Kurzem kommt ihre kleine Tochter dem Filmen jedoch immer unwilliger nach. Mélanie tut das als eine Laune ab. Denn wie könnte man die unendliche Liebe, die ihnen aus dem Netz entgegenkommt, als Last empfinden? Kurz darauf verschwindet Kimmy nach einem Versteckspiel spurlos. Wie, fragt sich die ermittelnde Polizeibeamtin Clara, soll man einen Verdächtigen ausmachen bei einem Kind, das Tausende Menschen kennen und mehrfach täglich sehen? Schnell begreift sie, dass ihre Methoden der Ermittlung in der virtuellen Welt vollkommen nutzlos sind …

So hat es mir gefallen:

Die Protagonistinnen Mélanie und Clara vertreten in diesem Roman sehr gegensätzliche Seiten. Mélanie, die von Ihrer Jugend an darum kämpft wahrgenommen zu werden, insbesondere auch weil ihre Mutter dies nicht tut. Ihr gegenüber ist Clara, die sich viel mehr von der virtuellen Welt abschottet und ihre Sicherheit in einer Form von Einsamkeit sucht.

Mélanie hat mittlerweile mit ihren Kindern eine Art Youtube Imperium geschaffen, doch diese Errungenschaft wird durch die Entführung ihrer Tochter Kimmy in Gefahr gebracht. Mélanie ist Star und Opfer ihrer eigenen Kreation. Sie bekommt nun die Anerkennung, die sie sich wünscht vorallem von Ihren Fans, dennoch verschwimmt die Realität mit der virtuellen Realität immer mehr. Ihr Erfolg basiert vor allem auf ihren Kindern, die dargestellt werden.

Diese Frau war weder Opfer noch Henker, sie gehörte zu iherer Epoche. Einer Epoche, in der es normal war, dass man gefilmt wurde, noch bevor man zur Welt kam. Wie viele Ultraschallbilder wurden jede Woche auf Instagram oder Facebook veröffentlicht? Wie viele Kinder- und Familienfotos, wie viele Selfies? Und wenn das Privatleben nur noch ein überholtes, abgelaufenes Konzept war oder, schlimmer noch, eine Illusion?

Seite 200

Clara, die mit der virtuellen Welt bisher noch kaum Berührung hatte, taucht im Rahmen des Falles dort hinein und bestaunt mit ungläubiger Faszination diese Welt, in der Mélanies Kinder agieren müssen.

Was geschieht mit Kindern, die seit ihrem ersten Atmenzug durch die eigenen Eltern medial vermarktet werden? Mit dieser Frage beschäftig sich der Roman von Delphine de Vigan. Wie weit lebt man noch echte oder nur noch virtuelle Realität?

Zum Ende des Romans gibt es eine Zukunftsaussicht, die Kimmy und ihren Bruder als junge Erwachsene zeigt und die psychischen Folgen mit denen sie zurecht kommen müssen.

Der Roman behandelt ein wichtiges Thema, was in der Öffentlichkeit bisher wenig bis keine Beachtung gefunden hat. Lediglich Frankreich hat mittlerweile ein Gesetz zum Schutz dieser Kinder erlassen, was aber tendenziell umgangen werden kann. Wie leben Kinder, für die die Familie kein Schutz- und Rückzugsraum darstellt? Kinder, die ihr Aufwachsen und ihre Entwicklung mit einer Öffentlichkeit teilen und damit Gefahr laufen, dass diese Öffentlichkeit ihr “Sein” besser kennt und interpretiert, als sie selbst.

Delphine de Vigan schafft es immer wieder viel Komplexität in vergleichweise wenige Seiten zu packen. Allerdings konnte mich das Buch diesmal nicht so begeistern, wie ihre anderen Romane. Möglicherweise liegt es daran, dass mir das Thema zu “konstruiert” erschien. Das hier zu stark eine Botschaft vermittelt werden sollte.

Ich habe es im Rahmen von “Gemeinsam mitlesen” bei Dumont gelesen und meine Lesepartnerin ist in der Mitte des Buches “ausgestiegen”. Ich konnte es nachvollziehen, denn auch ich habe mich stellenweise gefragt, worauf läuft die Geschichte hinaus?

Die Figuren bleiben teilweise recht farblos und eindimensional und erscheinen eher, um die Botschaft um das Thema zu transportieren. Ja, das Thema ist wichtig, aber der Roman hat dann doch eher einen “Zeigefingercharakter” und das mag ich persönlich nicht so gerne. Im abschliessenden Talk mit der Autorin bei Dumont (was im übrigen wirklich toll war) erfuhr man, dass sie selbst bisher kaum Kontakt mit den sozialen Medien hatte und für den Roman sich erst in diese Gesamtthematik begeben hat. Ich finde, dass das deutlich wird.

Fazit:

Auch wenn mich dieser Roman nicht so begeistern konnte und stellenweise leicht nervte, wird in “Die Kinder sind Könige” ein wichtiges Thema unserer Zeit betrachtet. Hoffentlich führt dieser Roman zu einen größeren gesellschaftlichen Diskussion und auch entsprechenden Vorgaben, um Kinder zu schützen und vor allem mehr Bewusstsein auf Seiten der Eltern zu schaffen. Wie die gesetzlichen Vorgaben hierzu in Deutschland aussehen, kann ich leider nicht sagen, aber das es welche zu diesem Thema geben muss, ist für mich unumstritten. Gerade, wenn viel Geld lockt und auch die vermeintliche Berühmtheit der Eltern, müssen die Kinder, die hier noch keine Stimme haben, geschützt werden.

Rezensionen zu weiteren Büchern von Delphine de Vigan könnt ihr hier nachlesen:

 

Loading Likes...

You Might Also Like

No Comments

Leave a Reply