“Unruhe” von Zülfü Livaneli [Rezension]

“Unruhe” von Zülfü Livaneli [Rezension]

Unruhe

von Zülfü Livanelli

Erschienen bei Klett-Cotta

aus dem Türkischen von Gerhard Meier
1. Aufl. 2018

umfasst 169 Seiten

* vorsorglich kennzeichne ich hier die Links, die zur Verlagsseite und zur Autorenseite führen als Werbung*

Dankeschön an Klett-Cotta und Netgalley für dieses Rezensionsexemplar!

 

Klappentext:

Ein aufstrebender Journalist reist aus Istanbul in seine Heimat an die türkisch-syrische Grenze. Dort sucht er nach Spuren eines Freundes und stößt auf die Berichte junger Jesidinnen, die dem IS entkommen konnten. Immer tiefer gerät er in einen Sog aus aktuellen und alten Geschichten, Leidenschaften und Gewalt, der ihn zwingt, seine Herkunft und sein Leben neu zu bewerten.

So hat es mir gefallen:

Eine Rezension zu „Unruhe“ zu schreiben, ist gar nicht so einfach.

Das Buch hat mich überrascht durch seine Vielschichtigkeit und durch eine bestimmte Art von Poesie, trotz des grausamen Kontextes.

Ibrahim erfährt durch Zufall vom gewaltsamen Tod seines Kinderfreundes Hüseyin. Er möchte herausfinden, was geschehen ist und begibt sich auf eine Reise ins Dorf seiner Kindheit und Jugend. Damit begibt er sich ungeplant auf die Reise zu sich selbst.

Er findet heraus, dass Hüseyin ein jesidisches Mädchen „Meleknaz“ heiraten wollte. Sie war in dem örtlichen Flüchtlingslager. Für seine Familie war sie der Inbegriff des Teufels. Um die Zusammenhänge zu verstehen, taucht Ibrahim ein in die Kultur seines Heimatdorfes und damit auch wieder in eine Denkweise, in der die Zeit stehen geblieben zu sein scheint. Aberglaube und Irrationalität begegnen ihm in teilweisen absurden Auswüchsen. Dies fasziniert und verunsichern ihn gleichermaßen.

Er, der sich für westlich geprägt hält, kommt innerlich ins straucheln. Er betrachtet seine Wurzeln und hinterfragt sich und seine bisherige Lebensweise.

„Ich bin ein Orientale, dachte ich, der seine langjährige westliche Erziehung, sein ganzes Streben nach einem europäischen Lebensstil, einfach wegwirft wie eine löchrige Socke…..von Orientalen als ein Westler angesehen zu werden und von Westlern als ein Orientale, der sich seinem eigenen Volk entfremdet hat.“

Parallel dazu begibt er sich auf die Spurensuche von Hüseyin´s Schicksal und auch auf die Suche nach „Meleknaz“. Er erfährt viel über die Religion der Eziden und über deren Schicksal. Mit dieser Spurensuche, wird dem Leser einiges über den Ezidischen Glauben und das Thema Religion und Philosophie zugetragen, was ich sehr interessant und stellenweise mystisch ist.

Zülfü Livaneli schafft es, dadurch, dass er eine junge Frau im Flüchtlingslager, erzählen lässt, dass Schicksal der Geflüchteten für den Leser „ertragbar“ zu machen. Durch die traumatisierte, distanzierte Erzählung über das Schicksal von Frauen und Kindern und die Taten des IS, kann der Leser diese Schicksale gerade noch „ertragen“. Dieses unvorstellbaren Grauen, ist ein Teil des Buches, dass einem die Tränen in die Augen treibt und einen mit einer enormen Hilflosigkeit zurücklässt.

Dieses Buch fasziniert mich einerseits durch diesen Reichtum an Informationen, durch Poesie andererseits und durch die „Menschwerdung des Protagonisten“. Es ist schwer vermittelbar, wenn man es noch nicht gelesen hat, dass ein Buch über kriegerische Gräueltaten gleichzeitig auch poetisch und philosophisch sein kann. Diese Gradwanderung gelingt Zülfü Livaneli perfekt.

Fazit:

„Unruhe“ ist das erste Buch, dass ich von Zülfü Livaneli, der neben Orhan Pamuk einer der bekanntesten Autoren der Türkei ist, gelesen habe. Es wird sicher nicht mein Letztes sein.

Ich mag seine intensive Art zu schreiben, die Poesie und Sätze, die eine ganz eigene Atmosphäre erschaffen und nicht vor schwierigen, unbequemen Themen zurückschreckt.

Für mich ist es eine klare Leseempfehlung. Aktuelles Zeitgeschehen verknüpft mit persönlicher Weiterentwicklung des Protagonisten im Kontext seiner Kultur. Absolut gelungen!

 

 

 

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